Landleben = gutes Leben!?

Es verbindet sich mit dem „Leben auf dem Land“ oft ein verklärender Blick auf die vermeintliche ländliche Idylle: Orte und Regionen, die von Naturnähe, landschaftlicher Schönheit und harmonischer Dorfgemeinschaft bestimmt sind. Zwar ist dieser romantisierende Blick in aller Regel eine Perspektive der „Städter“, die sich den tatsächlichen Mühen des Landlebens, der großen sozialen Ungleichheit, der Ausgrenzung von vermeintlich oder tatsächlich „Unangepassten“ und der dort allgegenwärtigen soziale Kontrolle nie aussetzen mussten.

Lesedauer: 16 Minuten

von Dr. Gerd Rudel

Das Fragezeichen in der Überschrift ist doch wohl überflüssig, wird sich der eine oder die andere Leser*in denken. Verbindet sich mit dem „Leben auf dem Land“ doch oft ein verklärender Blick auf die vermeintliche ländliche Idylle: Orte und Regionen, die von Naturnähe, landschaftlicher Schönheit und harmonischer Dorfgemeinschaft bestimmt sind. Zwar ist dieser romantisierende Blick in aller Regel eine Perspektive der „Städter“, die sich den tatsächlichen Mühen des Landlebens, der großen sozialen Ungleichheit, der Ausgrenzung von vermeintlich oder tatsächlich „Unangepassten“ und der dort allgegenwärtigen soziale Kontrolle nie aussetzen mussten. Aber das – egal, ob real oder imaginiert – gute Leben auf dem Land war und ist so attraktiv, dass sich immer wieder Einzelne, Familien oder ganze Gruppen in ländliche Regionen zurückzogen, um dort Authentizität, Beschaulichkeit, Gemeinschaft und Zusammenhalt zu finden: von der Wandervogel- und Jugendbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts über Hippie- und Landkommunen der 60er und 70er Jahre bis hin zu Selbstversorgungs- und Alternativ-Projekten der Gegenwart. Ob es als Folge der Corona-Epidemie sogar zu einer regelrechten „Stadtflucht“ kommen wird, wie unlängst eine große SZ-Reportage suggerierte, bleibt jedoch abzuwarten. Damit aus dem Leben auf dem Land tatsächlich ein gutes Leben werden kann, dafür braucht es, wie wir sehen werden, allerdings mehr als einen Ortswechsel und Umzug, sondern klare politische, ökonomische und soziale Voraussetzungen und Rahmenbedingungen.

Den „ländlichen Raum“ gibt es ohnehin schon lange nicht mehr. Denn das ländlich geprägte Hinterland des Münchner Flughafens – ökonomisch prosperierend, mit nach wie vor wachsender Bevölkerung und hohen Lebenshaltungskosten – hat kaum etwas gemein mit einem Landkreis in Mecklenburg-Vorpommern oder Brandenburg, wo es 30% Arbeitslose gibt, wo immer weniger Menschen leben und die Infrastruktur allmählich marode wird. Dementsprechend differenziert müssen auch politische Strategien konzipiert werden. Probleme, die es politisch zu bearbeiten gilt, gibt es vornehmlich in jenen peripheren ländlichen Regionen, die - abseits der Zentren - gering besiedelt und agrarisch geprägt sind.

Vor dem Hintergrund dieser Vielfalt höchst unterschiedlicher ländlicher Räume bröckelt der Grundkonsens, der die Regionalpolitik der alten Bundesrepublik bestimmte und als Ziel der „Gleichwertigkeit der Lebensbedingungen“ im Grundgesetz steht. Doch sollten zumindest Mindeststandards für die infrastrukturelle Versorgung (bei Bildung, Gesundheit und Mobilität v. a.) weiterhin ein erklärtes Ziel staatlicher Politik bleiben. Ansonsten bleibt das „gute Leben auf dem Land“ von vornherein eine Chimäre.

Die Landwirtschaft ist nach wie vor prägend: Sie dominiert die Flächennutzung und bleibt ein gewichtiger Faktor für das Leben auf dem Land – wirtschaftlich, kulturell, visuell. Und das trotz Rationalisierung und Industrialisierung: Immer weniger Landwirte produzieren immer mehr Lebensmittel zu immer geringeren Preisen. Nur noch 1,4% der Arbeitskräfte sind im Agrarsektor tätig, der Anteil der Landwirtschaft an der Bruttowertschöpfung der BRD liegt schon seit einigen Jahren unter 1%1. Rationalisierung und Technisierung haben zu einer beträchtlichen Konzentration der Betriebsstrukturen geführt. Viele Landwirte arbeiten in einem kleinen Nebenerwerbsbetrieb, dem stehen wenige Großbetriebe gegenüber: Lediglich 14 % aller Betriebe bewirtschaften 62 % der gesamten landwirtschaftlich genutzten Fläche in Deutschland2. Ähnlich sieht es in der Viehwirtschaft aus. Schweine, Rinder und Geflügel sind in immer größerer Zahl in immer weniger Betrieben konzentriert – mit entsprechenden Folgen für Tierwohl und Ökologie.

Aber es gibt auch positive Trends, hin zu extensiveren, weniger kapitalintensiven, dafür aber vielfältigeren und umweltverträglicheren Bewirtschaftungsformen. Die knapp 26.400 Betriebe, die nach ökologischen Kriterien arbeiten, bewirtschaften mittlerweile fast 10% der Agrarfläche. Auch die ökologisch verträgliche Tierhaltung hat zugenommen. Die Öko-Landwirtschaft bietet nicht nur mehr Menschen Arbeitsplätze und produziert viele unterschiedliche Agrarerzeugnisse, die in der Region selbst verarbeitet werden (können), sondern nimmt zudem auf die Belange des Umwelt- und Tierschutzes Rücksicht. Auch mit touristischen Nutzungen ist sie, da erheblich naturnäher, eher zu vereinbaren als die industrielle Landwirtschaft. Die Öko-Landwirtschaft ist deshalb ein wichtiges ökonomisches Standbein einer nachhaltigen Zukunft der ländlichen Räume und wesentlicher Garant eines guten Lebens auf dem Land.

Der Anbau sog. nachwachsender Rohstoffe für eine energetische Nutzung (als Biodiesel oder Biogas) hat sich - durch entsprechende Förderprogramme unterstützt - seit 1998 mehr als verdoppelt und nimmt mit rund 2,6 Mio. Hektar3 mittlerweile ca. 16% der bundesdeutschen Ackerfläche ein. Als finanzielles Standbein für die ländlichen Räume ist es ökonomisch bedeutsam. Dennoch ist diese Entwicklung kritisch zu beleuchten: wenn nämlich die energetische Verwertung landwirtschaftlicher Produkte auf Kosten der Lebensmittelproduktion geht, im schlimmsten Fall sogar Brotgetreide in die Biogasanlage wandert. Und die Milchwirtschaft darunter leidet, dass der Grasschnitt Gewinn bringend vergärt wird. Ob stillgelegte, jetzt wieder naturnahe Ackerflächen für den Anbau nachwachsender Rohstoffe umgenutzt werden dürfen, ist in jedem Einzelfall zu prüfen. Eine Intensivierung des Anbaus (massiver Düngemitteleinsatz und chemische Schädlingsbekämpfung auf Energiepflanzen-Monokulturen!) oder gar ein Gentechnik-Einsatz (Gen-Mais für die Biogasanlage!) sollte sich verbieten. Wenn allein ökonomische Interessen dominieren, wird die Produktion nachwachsender Rohstoffe zu einem Irrweg und das Umsteuern in Richtung ökologische Landwirtschaft gefährdet.

Dass die Wirtschaft in den peripheren ländlichen Regionen seit Jahrzehnten unter der abnehmenden Zahl von Arbeitsplätzen leidet, hat nicht nur mit der Rationalisierung der Landwirtschaft zu tun, sondern auch mit dem allmählichen Verschwinden der ihr vor- und nachgelagerten Betriebe – von der Saatzucht über die Schlosserei und das Bauhandwerk bis hin zu Molkereien oder Schlachthöfen. Diese sind weitgehend aus den ländlichen Regionen „ausgewandert“ und ebenfalls „industrialisiert“ worden. Die staatliche Förderpolitik, die die Arbeitsplatzverluste zu kompensieren versuchte, konnte diese grundlegende Tendenz – wenn überhaupt – nur abschwächen. Erfolg versprechend ist allein jene wirtschaftspolitische Strategie, die schon vor über 20 Jahren als Grundidee einer „eigenständigen Regionalentwicklung“4 fungierte: die Rückbesinnung auf die eigenen Stärken, die Identifizierung und Förderung endogener Potenziale und der Aufbau regionaler Wirtschaftskreisläufe, um Wertschöpfungsketten innerhalb der Region zu erhalten, auszubauen und zu stärken5. So könnten unter veränderten Rahmenbedingungen wieder funktionierende ländliche Gesellschaftsstrukturen entstehen, die auf der Land-, Forst- und Fischereiwirtschaft beruhen und sich neue Produktions- und Dienstleistungsbereiche erschließen. Dazu gehören neben den erneuerbaren Energien beschäftigungsintensive Dienstleistungsbranchen (v. a. Tourismus und Gesundheit). Dabei ist nicht das globalisierte Einerlei gefragt, sondern es wird darauf ankommen, regionaltypische Produkte anzubieten, spezialisierte Nischen zu entdecken und innovative Angebote zu entwickeln. Nur wenn die ländlichen Räume in diesem Sinne ökonomisch stabilisiert werden, haben auch die Dörfer und Kleinstädte als Zentren der Siedlungs- und Infrastruktur und als Ort der politischen und kulturellen Kommunikation eine echte Überlebenschance.

Ländliche Räume haben einen unschätzbaren „Standortvorteil“, wenn sie ihre „natürlichen Ressourcen“ hegen und pflegen: eine intakte Natur und eine ansprechende Kulturlandschaft. Insofern wird der Tourismus zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor. Denn intakte Naturräume ziehen Menschen an: für eine Kurzreise, für einen Natur-, Wander-, Fahrrad- oder Wellness-Urlaub oder gar als ständiger Wohnort für ein angenehmes Leben im Ruhestand. Naturparke und Biosphärenreservate verzeichnen eine positive Bevölkerungsentwicklung in ansonsten von Abwanderung betroffenen Regionen. All dies stärkt die regionale Wirtschaftskraft und schafft Jobs in Gastronomie, Hotellerie und Freizeiteinrichtungen. Durch eine breite Angebotspalette können sich ländliche Regionen auch im Wettbewerb mit internationalen Reisezielen behaupten. Allerdings wird darauf zu achten sein, dass sich die Tourismusbranche nicht zum Bestandteil einseitiger Wirtschaftsstrukturen entwickelt und auf diese Weise zur „Übernutzung“ unschätzbarer und ggf. unwiederbringlicher Natur- und Landschaftsressourcen führt, wie dies zum Beispiel in einigen Alpen-Regionen bereits der Fall ist. Denn der „Over-Tourism“6 gefährdet genau das, was die Attraktivität ländlicher Räume für Urlauber*innen ausmacht: Authentizität, Ruhe- und Erholungsmöglichkeiten, Naturschönheiten.

Unabhängig von der Aktivierung endogener Potenziale wird eine staatliche Förderpolitik für periphere ländliche Regionen weiterhin notwendig sein: als „Belohnung“ für ihre Pflege der Kulturlandschaft, als Rückzugsräume für Tiere und Pflanzen, als Reservoir für lebensnotwendige Ressourcen wie sauberes, unbelastetes Wasser. Ohne eine solche Förderpolitik werden sich nämlich die notwendigen Voraussetzungen und Rahmenbedingungen für ein gutes Leben auf dem Land nicht realisieren lassen. Entscheidende Bausteine hierfür sind: die Ermöglichung von Mobilität, der Erhalt und Ausbau der Infrastrukturen für die Daseinsvorsorge sowie die Digitalisierung.

Mobilität ist in ländlichen Räumen eine entscheidende Voraussetzung für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben – je peripherer der Raum, desto stärker: zur Arbeitsstelle, zum Arzt, zur Schule, zu Behörden sind die Wege oft weit. Wenn aber der Schulbus das einzige noch verfügbare öffentliche Verkehrsmittel ist, dann wird Mobilität vom Auto abhängig. Ältere und behinderte Menschen sowie Kinder und Jugendliche verfügen darüber selten oder gar nicht.

Deshalb ist es unabdingbar, auch auf dem Land einen ÖPNV in ausreichender Bedienungsqualität bereitzustellen, um Mobilität ohne Auto zu ermöglichen7. Das muss nicht immer ein herkömmlicher Linienverkehr sein. Bedarfsgesteuerte und flexible Angebote (z.B. Ruf-Busse oder Anrufsammeltaxis) können die notwendige ÖPNV-Grundversorgung bieten. Schnellbusverkehre sorgen für die großräumige Erschließung, in der Fläche können kleinere und langsamere Fahrzeuge zum Einsatz kommen. Hier bieten auch fahrerlose, automatische Systeme neue, noch weitgehend ungenutzte Möglichkeiten. Das gilt auch für das ländliche Radfahren, das riesige Potenziale bietet. Denn seit es massenhaft E-Bikes und Pedelecs gibt, bereiten auch die Steigungen in den Mittelgebirgsgegenden und der Gegenwind in den Küstenregionen keine Probleme mehr. Was leider häufig noch fehlt, ist die entsprechende Infrastruktur und eine gute Wegweisung. Radstationen mit bequemen Abstellanlagen können für die gute Verknüpfung von Rad und ÖPNV sorgen.8 Zivilgesellschaftlich organisierte Angebote wie Bürgerbusse, Car-Sharing oder Fahrgemeinschaften können ergänzend hinzukommen.

Als größtes Defizit sehen die Bewohner*innen ländlicher Räume mit Recht den Abbau von Infrastrukturen für die Daseinsvorsorge: „Das Verschwinden des Kaufladens, der Bäckerei, der Arztpraxis, der Dorfkneipe oder der Poststelle – und damit auch der Kommunikationsorte – wird als einschneidende Veränderung im Lebensalltag empfunden.“9 Klar ist also: Die Daseinsvorsorge ist entscheidend für die lokale Lebensqualität.

Die seit Jahrzehnten andauernde Konzentration des Einzelhandels und der Siegeszug der Supermärkte und Discounter haben in vielen ländlichen Räumen dazu geführt, dass eine fußläufig erreichbare Versorgung mit Gütern des täglichen Bedarfs für viele Dorfbewohner*innen nicht mehr existiert. Glücklicherweise gibt es seit einigen Jahren aber auch Entwicklungen, die sich diesem Trend widersetzen. Das ist zum einen die Dorfladen-Bewegung, die im Dorfladen-Netzwerk mittlerweile auch einen Bundesverband als Interessenvertretung hat. So unterschiedlich die Organisations- und Betriebsformen der einzelnen Läden10 auch sein mögen, gemeinsam ist ihnen ihre auf bürgerschaftlichem Engagement beruhende Gemeinwohlorientierung. Ihnen geht es nicht um Gewinnerzielung, sondern darum, die Nahversorgung (oft als Multi-Funktions-Läden, die auch als Poststelle oder Sparkassen-Filiale dienen) zu sichern und dabei auch einen Kommunikationsort für die Dorf-Bewohner*innen zur Verfügung zu stellen. Zum anderen haben aber auch kommerzielle Anbieter den ländlichen Raum wiederentdeckt und neue Konzepte für die Nahversorgung entwickelt11, so die Handelskette Tegut mit ihren automatisierten Teo-Supermärkten, die ohne Personal rund um die Uhr geöffnet sind. Ob es sich dabei aber um eine echte Trendumkehr oder lediglich um einige wenige löbliche Ausnahmen handelt, bleibt abzuwarten.

Wo es vor Ort Defizite gibt, sollte zumindest gelten: Wenn der Kunde nicht zu uns kommen kann, dann kommen wir zu ihm. Das heißt: mobile Angebote – vom Bücherbus über das „rollende Bürgerbüro“ bis hin zum fahrenden Gesundheitszentrum und zum „Theater auf Rädern“ – sind zukünftig in strukturschwachen Räumen als Ergänzung der vorhandenen Infrastrukturen zu entwickeln. Auch fahrende Metzgerei- oder Bäckergeschäfte oder Kleiderläden auf Rädern, schon jetzt in vielen ländlichen Regionen gang und gäbe, werden weiterhin für die Versorgung der nicht-automobilen Bevölkerung notwendig sein. Dazu kommt natürlich immer stärker auch der Einkauf per Mausklick, das Online-Shopping.

Nicht nur dafür ist eine leistungsfähige Internetanbindung die Grundvoraussetzung. Damit sich wieder mehr Menschen für ein Leben auf dem Land interessieren, ist das Internet sozusagen lebensnotwendig. Insbesondere für die beruflichen Einsatzmöglichkeiten (Stichwort: Homeoffice!) und die Nutzung öffentlicher und privater Dienstleistungen (z. B. virtuelle Behördengänge). Dass die Digitalisierung für die ländlichen Räume eine große Chance für neue Bewohner*innen, für neue Arbeitsplätze und für eine Wiederbelebung von leer stehenden Gebäuden bietet, zeigt sich nämlich dort sehr deutlich, wo es dieses schnelle Internet bereits gibt. In Brandenburg rund um Berlin beispielsweise12. Dort bringen Umzugswillige mit ihren Arbeits- und Wohnprojekten frisches Leben in alte Gemäuer: Sie interessieren sich für alte Fabriken und Landgüter, für Mühlen oder leer stehende Schulen, ja sogar für ehemalige LPG-Plattenbauten. Und dort entstehen dann im besten Falle nicht nur Wohnungen, Werkstätten und Büros, sondern auch Dorfläden, Cafés, Kindertagesstätten und Kulturangebote, so dass auch die „alteingesessenen“ Dorfbewohner*innen von dieser Entwicklung profitieren.

Große Herausforderungen bietet der Gesundheits- und Pflegebereich13. Manche ländliche Regionen leiden schon jetzt unter einem akuten Hausarztmangel. Sozialmedizinische Gesundheitszentren, in denen ambulant tätige multiprofessionelle Teams ärztliche, psychotherapeutische, pflegerische, physiotherapeutische oder auch soziotherapeutische Leistungen „unter einem Dach“ anbieten, in den zentralen Orten, die in noch zumutbarer Entfernung liegen, wären eine Lösungsperspektive. Auch mobile Angebote oder die verstärkte Einbeziehung der Krankenhäuser in die medizinische Grundversorgung kommen in Frage. Vielerorts wird die zu erwartende Zunahme älterer und damit auch öfter pflegebedürftiger Menschen die pflegerische Versorgung zu einem organisatorischen wie finanziellen Problem ersten Ranges machen. Wenn aber alte Menschen auch in strukturschwachen Gebieten möglichst lange in den eigenen vier Wänden leben können sollen, dann werden ganz neue wohnortnahe Versorgungskonzepte zu entwickeln sein, die professionelle, nachbarschaftliche, niedrigschwellige und ehrenamtliche Hilfsangebote kombinieren.

Ähnlich problematisch schaut es im Bildungsbereich aus. So wurden zwischen 1992 und 2017 deutschlandweit 3186 öffentliche Grundschulen – das sind rund 18%! - geschlossen14. Dass davon der periphere ländliche Raum und dort v.a. die ostdeutschen Regionen besonders betroffen waren, ist angesichts des dort besonders starken Geburtenrückgangs klar. Selbst wenn die Zentralisierung von Schulstandorten eine kosteneffiziente Lösung sein sollte, gibt es doch starke Argumente dafür, die Schule im Dorf zu lassen. Wohnortnahe kleinere Landschulen vermeiden nicht nur für die Kinder unzumutbar lange Schulwege, sondern können auch pädagogisch sinnvoll sein: Jahrgangsübergreifende Klassen können sich positiv auf den Lernerfolg auswirken. Das zeigt der Blick nach Finnland15. Als in der ländlichen Weite Lapplands Anfang der siebziger Jahre die Schüler knapp wurden, wurde ein Systemwechsel notwendig. Bis zur neunten Klasse bleiben alle Schüler zusammen, es gibt mehr Lehrer, individuelle Förderung, keinen Notendruck und kein Sitzenbleiben – eine neue Lernkultur, die Finnlands Schulen an die Weltspitze führte.

Komplexe Problemlagen und differenzierte Lösungsansätze stellen hohe Anforderungen an die Politikgestaltung. Die herkömmliche Kommunalpolitik mit der sprichwörtlichen Kirchturmperspektive wird dem nicht gerecht, sondern ist oft sogar selbst Teil des Problems. Gefragt sind vernetzte und vernetzende Politikansätze, die durchaus quer und jenseits bisheriger Institutionen liegen können. Wenn die vorhandenen Probleme eine ganze Region betreffen, dann wird regionale Kooperation zum absoluten Muss. Das Arsenal an interkommunalen Formen der Zusammenarbeit ist groß und reicht von informellen Arbeitskreisen über Zweckverbände bis hin zum Regionalmanagement. Auch das fachliche Spektrum ist breit: Ein regionaler Entwicklungsplan kann hilfreich sein, interkommunales Gewerbeflächenmanagement hat sich vielerorts bewährt, kommunale Kernbereiche wie die Energie- oder Wasserversorgung können gerade bei abnehmender Bevölkerung gemeinsam effizienter gehandhabt werden, beim ÖPNV sollte die regionale Zusammenarbeit ohnehin selbstverständlich sein. Kooperationsstrukturen und regionale Netzwerke tragen zudem dazu bei, oft schon traditionelle Rivalitäten zwischen einzelnen Gemeinden abzubauen und ein regionales „Wir-Gefühl“ zu initiieren.

Schubladendenken und vorgefertigte Patentlösungen sind jedenfalls nicht hilfreich. Denn in einem Fall – z. B. bei der Abwasserbeseitigung – kann die Dezentralisierung ein effizienter Lösungsansatz sein, wenn eine Großkläranlage durch mehrere Biokläranlagen ersetzt wird. In einem anderen Fall ist die Zentralisierung (= Zusammenlegung von schlecht ausgelasteten kleinen Einheiten) vorzuziehen, wenn gleichzeitig die Erreichbarkeit gewährleistet wird. Bei allen Entscheidungen sollten aber nicht nur die Kostenfrage betrachtet, sondern die Auswirkungen eines möglichen Lösungsansatzes auf andere Lebensbereiche mit einbezogen werden16.

Dafür ist zumindest dreierlei notwendig: eine Kultur offener Kommunikation, die Einbindung von zivilgesellschaftlichen Akteuren und örtlicher Wirtschaft sowie die Mobilisierung des noch vorhandenen Wissens und Engagements. Das ist eine sehr anspruchsvolle Aufgabe, die in einem regionalen Kommunikationsprozess umgesetzt werden muss. Es dürfte sinnvoll sein, dafür (zumindest: auch!) auf externe Expert*innen, auf Regionalmanagement und Moderator*innen zurückzugreifen, um diesen Prozess zu strukturieren, zu organisieren und auch zu steuern.

 

Literaturhinweise:

Werner Bätzing: Das Landleben. Geschichte und Zukunft einer gefährdeten Lebensform, München 2020

Beetz, Stephan: Ländliche Politik im demographischen Wandel; in: Aus Politik und Zeitgeschichte 21-22/2006, S. 25-31

Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung/Neuland21 (Hg.): Urbane Dörfer. Wie digitales Arbeiten Städter aufs Land bringen kann, Berlin 2019

Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (Hg.): Raumordnungsbericht 2005, Bonn 2005

Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) (Hg.): Regionale Wertschöpfungsketten. In: LandInForm – Magazin für Ländliche Räume 1/2021, S. 10-31

Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) im Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR) (Hg.): Raumordnungsbericht 2011, Bonn 2012

Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) im Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR) (Hg.): Raumordnungsbericht 2017. Daseinsvorsorge sichern, Bonn 2017

Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) im Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR) (Hg.): Wettbewerb Menschen und Erfolge 2019. Lebenswerte Stadt- und Ortskerne in ländlichen Räumen, Bonn 2020

Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (Hg.): Entwicklung ländlicher Räume. Dritter Bericht der Bundesregierung, Berlin 2020

Bundeszentrale für politische Bildung (Hg.): Ländlicher Raum. Aus Politik und Zeitgeschichte 37/2006, Bonn 2006

Bundeszentrale für politische Bildung (Hg.): Ländliche Räume. Informationen zur politischen Bildung, Nr. 343, Bonn 2020

Gerhard Henkel: Das Dorf. Landleben in Deutschland – gestern und heute, Bonn 2020

Christian Krajewski/Claus-Christian Wiegand (Hg.): Land in Sicht. Ländliche Räume in Deutschland zwischen Prosperität und Peripherisierung, Bonn 2020

Gianna Niewel/Hannes Vollmuth: Raus hier. In: Süddeutsche Zeitung Nr. 77, 3.-5. April 2021, S. 11-13

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Fußnoten:

Dieser Beitrag ist basiert auf dem Artikel

Gerd Rudel: Dörfer und ländlicher Raum. In: Rita A. Herrmann/Gerald Munier (Hg.): Stadt, Land, Grün. Handbuch für alternative Kommunalpolitik, Bielefeld 2008, S. 103-111. Für die Neuveröffentlichung wurde er grundlegend überarbeitet, aktualisiert und erweitert.

4) Nur als Beispiel: Akademie für Raumforschung und Landesplanung (ARL): Politik für periphere, ländliche Räume - Für eine eigenständige und selbstverantwortliche Regionalentwicklung. Positionspapier Nr. 77, Hannover 2008

5) Einige Beispiele für regionale Wertschöpfungsketten finden sich in der Nr. 1/2021 von LandInForm - Magazin für Ländliche Räume.

6) Zu den Vor- und Nachteilen des Tourismus vgl. ausführlich den Beitrag „Tourismus – Fluch oder Segen?“ auf diesem Portal.

7) Vgl. dazu den entsprechenden Abschnitt „Und auf dem Land?“ im Beitrag „Mobilität für alle (Teil II): Verkehrswende – geht doch!“ auf diesem Portal.

8) Vgl. dazu „Verkehr und Mobilität in ländlichen Räumen. Dörte und Heiner Monheim im Interview mit Claus-Christian Wiegandt“. In: Krajewski/Claus-Christian Wiegandt (Hg.) 2020, S. 314-327.

9) Gabriela B. Christmann: Soziale Innovationen in ländlichen Räumen. In: Christian Krajewski/Claus-Christian Wiegand (Hg.) 2020, S. 228

10) Einen – allerdings sicher nicht vollständigen – Überblick gibt die Liste auf der Seite des Dorfladen-Netzwerks.

11) Einen knappen Überblick über solche Konzepte auf der Homepage der MarktTreffs Schleswig-Holstein: https://markttreff-sh.de/de/markttreff-neue-nahversorgung

12) Vgl. die Projektbeschreibungen in Berlin-Institut/Neuland 21 2019, S. 16ff.. Vgl. auch die Websites https://zukunftsorte.land/ und https://www.kreativorte-brandenburg.de/

13) Vgl. dazu ausführlich den Beitrag „Gutes Leben ohne Gesundheit: geht gar nicht!“ auf diesem Portal.

14) Holger Jahnke: Bildung in ländlichen Räumen – aktuelle Entwicklungen im Zeichen des demographischen Wandels. In. Christian Krajewski/Claus-Christian Wiegand (Hrsg.) 2020, S. 291

15) Vgl. als Überblick Rudolf Hermann: Das finnische Bildungssystem – ein Wunder? In: Neue Zürcher Zeitung, 6.1.2020

16) Vgl. Beetz 2006, S. 28f.

17) Gianna Niewel/Hannes Vollmuth: Raus hier. In: Süddeutsche Zeitung Nr. 77, 3.-5. April 2021, S. 11-13