Milchviehhaltung im Spannungsfeld zwischen Wirtschaftlichkeit und Tierschutz

Die online-Frühjahrstagung der AbL-Bayern zeigte Strategien auf, wie mehr Tier- schutz gelingen kann und dabei die ökonomischen Aspekte berücksichtigt werden.

Kuh steht auf einer Weide

von Andrea Eiter

Absatzprobleme durch die Corona-Krise, in manchen Regionen der dritte Dürresommer in Folge mit erhöhten Futterkosten, dabei Milchpreise unter Kostendeckung führen bei vielen Betrieben zu bedrohlichen Situationen. Die Proteste der Bauern bei Verarbeitern und dem LEH nehmen an Schärfe und Entschlossenheit zu. Gleichzeitig werden die Betriebe mit Forderungen nach einer tiergerechteren Haltung konfrontiert.
Der Strukturwandel schreitet indes fort: Von 2016 bis 2020 hat nach Angaben des Bay. Landesamts für Statistik die Zahl aller viehhaltenden Betriebe deutlich abgenommen mit -13,1 %.

Mit der online-Tagung hat die AbL-Bayern daher die wirtschaftliche Situation in den Blick genommen und ebenso die gesellschaftliche Kritik an Formen der heutigen Milchviehhaltung thematisiert, exemplarisch die ganzjährige Anbindehaltung sowie Kälberaufzucht und -transporte. Dieses Spannungsfeld besteht auch in anderen Bereichen der Landwirtschaft: „wir erfüllen gerne höhere Auflagen, wenn die Erzeugerpreise stimmen bzw. der erhöhte Auf-wand honoriert wird“.

Mit rund 160 Teilnehmern, ein breit gefächerter Kreis aus Praktikern, Fachbehörden, Wissenschaft, Tierärzten und Tierschutzverbänden, von Politik bis hin zu Handel und Molkereien ging man der Frage nach, wie mehr Tierschutz gelingen kann und dabei die ökonomischen Aspekte berücksichtigt werden. Das Publikum konnte Fragen direkt sowie im Chat stellen und nutzte ausgiebig die Gelegenheit zu diskutieren.

Manfred Gilch, Vorsitzender des BDM Bayern (Bundesverband deutscher Milchviehhalter) referierte zum Thema „Kostendeckende Milcherzeugung – ein Wunschtraum? Zur wirtschaftlichen Situation konventioneller u. biologischer Milchviehbetriebe – welche Zukunftsperspektiven gibt es?„. Seine zentrale Aussage war, dass die Milcherzeugungskosten seit Jahren über den Milcherzeugerpreisen lägen und dies eine deutliche Unterdeckung beim Betriebsergebnis von – 30 % bewirke. Daher bestehe auch ein nur geringer Spielraum, um weitere Auflagen für Umwelt, Klima- und Tierschutz zu erfüllen.
Die pagatorischen Kosten, „was man wirklich aus dem Geldbeutel heraus zahlt“ beliefen sich in Ostdeutschland mit vielen externen Arbeitskräften und echten, mit Auszahlungen verbundenen Kosten für die Erzeugung von einem Liter Milch auf rund 46 ct, während sie in Süddeutschland nur bei 36 ct lägen. Das läge wohl daran, so der Referent nicht ohne Sarkasmus, dass wir im Süden so leidensfähig seien, uns selbst und unsere mithelfenden Familienarbeitskräfte „ausbeuten“ statt zu bezahlen. Ganz anders sähe es nämlich aus, wenn man die Kosten für diese Arbeitskräfte mit hereinrechne, dann läge der Süden bei 53 ct. statt 36 ct.
Der höhere Milchpreis bei Bio-Betrieben sei nur auf den ersten Blick zufriedenstellend, denn die Unterdeckung betrage hier beträchtliche 27 %.
Beim Blick auf die Zukunftsperspektiven zitierte er zunächst die jüngsten Aussagen von Alois Glück zur EU-Agrarpolitik im weltweiten System. Es sei ein „Wahnsinnssystem des ständigen Intensivierungsdrucks auf Kosten der natürlichen Lebensgrundlagen und der Bauernfamilien“.
Hoffnung mache laut Gilch, dass sich im November im „Milchdialog“ Verbände wie z.B. BDM, AbL, LsV-Milch-gruppe auf ein Positionspapier und gemeinsame Aktionen bei den Verarbeitern verständigt hätten.
Ziel des BDM ist, mit seiner Sektorstrategie 2030 die Marktposition der Bauern deutlich zu verbessern. Dazu schlägt er ein Milchmarkt-Krisenmanagement-Konzept und eine verbindliche Vertragsgestaltung mit den Molkereien (Preis, Menge, Dauer, Qualitäten) vor. Ein weiterer Baustein sei die Gründung einer „Branchenorganisation Milchviehhaltung“, also ohne die Molkereien, weil die Interessen von Erzeugern und Verarbeitern i.d.R. gegenläufig seien.

Hier finden Sie die Präsentation zum Vortrag Kostendeckende Milcherzeugung – ein Wunschtraum?

Gerhard Brandmaier vom Bayerischen Landwirtschaftsministerium referierte zum Thema „Anbindehaltung in der Kritik - droht ein Strukturbruch in Bayern?“ Er führte aus, dass immer mehr Molkereien auf die zunehmenden Anforderungen des Lebensmitteleinzelhandels mit einer Preisdifferenzierung, also Abschlägen für Milch aus ganz-jähriger Anbindehaltung reagierten. Und noch in dieser Legislaturperiode sollen in der Änderung der Tierschutz-Nutztierhaltungs-Verordnung die Mindestanforderungen zur Anbindehaltung von Rindern vorgelegt werden.
In Bayern wirtschafte etwa die Hälfte der Betriebe noch mit ganzjähriger Anbindehaltung, dies seien ca. 14.000 Betriebe und etwa ein Viertel der bayerischen Kühe. Gesellschaft, Tierschutzorganisationen und auch die Wissenschaft sehen die Anbindehaltung zunehmend kritisch. Schwerpunkt des Referats waren daher die Fördermöglichkeiten für Neu- und Umbauten im Agrar- und Investitionsprogramm (AFP) und dem Bayerischen Sonderprogramm Landwirtschaft (BaySL). In Vorbereitung seien außerdem laufende Tierwohlprämien für besondere Haltungsformen, die entweder in das neue Kulturlandschaftsprogramm ab 2023 (KULAP) integriert oder in einem eigenen neuen bayerischen Programm (BayProTier) realisiert werden sollen.
Besondere Bedeutung komme in Bayern dem Modell „Kombinationshaltung“ zu mit Weidegang und Laufhöfen bei Anbindebetrieben. Bayern unterstütze seine Tierhalte durch Beratungsangebote, Mitwirkung an politischen Prozessen auf Bundesebene und im Kompetenznetzwerk Tierhaltung (Borchert-Kommission) sowie Gesprächen mit den Marktpartnern (LEH, Molkereien, Erzeugerverbände).
Wichtig sei letztlich, dass die Veränderungsprozesse bei der Anbindehaltung ohne größere Strukturbrüche von statten gehen, keine Überforderung für die Betriebe darstellen und Übergangfristen für Anpassungsmaßnahmen vereinbart werden.

Hier finden Sie die Präsentation zum Vortrag Anbindehaltung in der Kritik - droht ein Strukturbruch in Bayern?

Vom AbL-Landesvorsitzenden Josef Schmid kam die Bitte, das Ausschlußkriterium von mehr als 30 Kühen im Istbestand im BaySL umzuwandeln in eine Fördergrenze sowie auch den Kauf von gebrauchten Maschinen/ Stalleinrichtungen zu fördern. Aufgrund der Milchpolitik der letzten Jahre sei die Investitionsbereitschaft der Betriebe gering.

Den Auftakt zum zweiten Teil der Tagung „Kälberstrategien“ machte Dr. Michael Marahrens, stellv. Leiter des Instituts für Tierschutz und Tierhaltung am Friedrich-Löffler-Institut Celle, Projektleiter Fachbereich Transport. Er sprach zum Thema „Tierschutzproblem Kälbertransporte - Sind tiergerechte Transporte nicht abgesetzter Kälber überhaupt möglich?
Nach EU-Verordnung dürfen Langstreckentransporte nicht abgesetzter Kälber zunächst 19 Stunden dauern (9 Stunden Transport, dann eine Stunde Ruhezeit mit Tränke, dann 9 Stunden Transport). Danach müssen die Jungtiere entladen, gefüttert und getränkt werden und eine Ruhezeit von 24 Stunden erhalten. Dass Verwaltungsgerichte bei Transportgenehmigungen zuletzt Fachrecht unterlaufen hätten, bedürfe der juristischen Klärung.
Der Referent machte deutlich, dass man nicht abgesetzte Kälber kaum ohne Mangelerscheinungen transportieren könne, was auch zu Einschränkungen in späteren Lebensphasen führen könne. Im Akutfall kann eine nicht bedarfs- und verhaltensgerechte Fütterung zu starken Durchfällen führen. Ein Risiko für Saugkälber generell sei, dass die nötige mindestens 3-stündige „Verdauungspause“ im ruhigen Liegen, in der im Labmagen des Kalbes eine Kaseinausfällung erfolgt, beim Transport nicht gewährleistet ist.
Laut Positionspapier der Bundestierärztekammer und der Tierärztlichen Vereinigung zum Tierschutz beim Transport von Kälbern, gelten diese bis zur Entwicklung eines stabilen Immunsystems bis zum Abschluss der 4. Lebenswoche als „Tiere mit physiologischen Schwächen“ und sind deshalb bis zu diesem Zeitpunkt nicht transportfähig.
Zur Frage eines späteren Transports größerer Kälber oder noch besser der regionalen Aufzucht verwies Dr. Marahrens auf die fortgeschrittene Spezialisierung der Betriebe. Milchviehbetriebe verfügten nur selten über ausreichende Stallraumkapazitäten, um die Kälber länger am Betrieb zu behalten. Bei den niedrigen Preisen für milchbetonte Rassen sei es wirtschaftlich auch kaum darstellbar, die Wertschöpfung finde leider beim Handel statt, nicht auf den Betrieben.

Hier finden Sie die Präsentation zum Vortrag Tierschutzproblem Kälbertransporte - Sind tiergerechte Transporte nicht abgesetzter Kälber überhaupt möglich?

Christine Rauch vom Bündnis mensch fair tier berichtete zum Pilotprojekt „Kälbertransporte vermeiden – Aufzucht, Mast, Schlachtung und Vermarktung in Bayern“. Das Bündnis setzt sich für massive Verbesserungen in der Nutztierhaltung, für die Beendigung der Transporte nicht abgesetzter Kälber und von Tiertransporten in Drittländer ein. Ein wichtiger Schritt für die Zielerreichung sei eine Reduktion der Tierbestands, allein in Bayern werden jährlich rund 1,1 Millionen Kälber geboren. Statt langen Transporten müssten Alternativen wie die Aufzucht bzw. Mast im eigenen Betrieb/ Partnerbetrieb/ regionalem Mastbetrieb forciert werden. Die Schlachtung sollte vermehrt regional erfolgen, Priorität komme hier der hofnahen und mobilen Schlachtung zu. Für eine erfolgreiche Vermarktung brauche es Marketing-Kampagnen wie etwa „STOP Kälbertransporte -Kalb aus Bayern“. Als Beispiel staatlicher Unterstützung stellte sie drei Förderprogramme aus österreichischen Bundesländern vor, bei denen für die regionale Aufzucht, häufig als Vollmilchkälber, Beträge zwischen 50 – 150 € pro Tier bezahlt werden.

Das Bündnis starte einen Aufruf „Wir handeln jetzt“ an die Bäuerinnen und Bauern der AbL in Bayern und stellt 20.000 € aus privaten Mitteln zur Verfügung als Verlustausgleich für Kälber, die im Betrieb aufgezogen werden. Engagierte Praktiker werden gesucht.

Hier finden Sie die Präsentation zum Vortrag Pilotprojekt „Kälbertransporte vermeiden – Aufzucht, Mast, Schlachtung und Vermarktung in Bayern“

Mit konkreten Lösungsstrategien zur Vermeidung von Kälbertransporten und dem Aufbau von Wertschöpfungsketten bei der Kälberaufzucht ging es am Nachmittag weiter. Im Biobereich gibt es bereits einige vielversprechende Initiativen in den Ökomodellregionen, ProVieh und Demeter Heumilchbauern, die Bruderkalb-Initiative Hohenlohe und bei der Schweisfurth-Stiftung.
Im konventionellen Bereich ist dagegen noch echte Pionierarbeit zu leisten.

Dazu berichtete die 2. Landesvorsitzende der AbL Nordrhein-Westfalen, Kristina Schmalor aus dem Sauerland, die einen konventionellen Milchviehbetrieb führt „Muttergebundene Kälberaufzucht und -mast und Direktvermarktung von Geschwisterkälbern“. Der Betrieb mit 70 Kühen auf 75 ha Grünland im Extensivierungsprogramm betreibt Weidehaltung, kommt auf 7.500 Liter abgelieferte Milch plus ca. 1.000 Liter pro Kalb bei einer Lebensleistung von 45.000 Litern. Gehalten werden Holsteins, Jerseys und Kreuzungen von Doppelnutzungsrassen. Der moderne Stall für die muttergebundene Aufzucht wurde 2015 gebaut, seit 2018 gilt eine Tränkedauer von mindestens 12 Wochen, alle Kälber bleiben für Nachzucht oder Direktvermarktung auf dem Betrieb. Die in der Vermarktung fehlenden 1.000 Liter Milch pro Kalb rechneten sich durch die Einsparung von Arbeitszeit. Das Zusammenführen und Trennen der Kühe und Kälber benötige pro Melkzeit nur 10 Minuten. Kuh und Kalb blieben 3 -5 Tage im Abkalbebereich zusammen, im Begegnungsbereich treffen sie sich zweimal täglich vor dem Melken für eine Stunde bis zur 8. Woche, danach einmal täglich. Kuh und Kalb treffen sich auch an einem Begegnungsgitter. Sie erfreuen durch gute Gesundheit und Entwicklung, bei ammengebundener Aufzucht gingen die positiven Effekte für die Kühe verloren.
Die Kälber werden in einem Alter von 12 Monaten bei einem nahegelegenen Metzger geschlachtet und zerlegt, die Verpackung erledigen sie selbst. Die Vermarktung erfolge über einen Dorfladen und Lieferservice, trotz teurem Stallbau laufe es finanziell alles in allem gut.
Eine intensive Arbeit mit den Eigenheiten jedes einzelnen Tiers sei nötig, ansonsten gibt sie den Rat: „Kontrolle abgeben und der Natur vertrauen“.

Hier finden Sie die Präsentation zum Vortrag Praxisbericht Kuhgebundene Kälberaufzucht

Dr. Christoph Reiber vom Fachgebiet Tierhaltung und Tierzüchtung der Universität Hohenheim stellte das laufende Wertkalb-Projekt vor: „Innovative Strategien für eine ethische Wertschöpfung der Kälber aus der ökologischen Milchviehhaltung“. Spezialisierung und Intensivierung gäbe es auch in der Biomilchproduktion, gegenüber dem wachsenden Markt für Biomilch bleibe das Bio-Rindfleisch weiterhin in der Nische. Die Folge seien überzählige Kälber mit geringer ökonomischer und ethischer Wertschätzung. In noch stärkerem Maße gelte dies bei den Milchviehrassen konventioneller Betriebe. Gemeinsam mit der Rinderunion BW wurde eine Studie zum Status-quo der Kälbervermarktung bei durchgeführt, aktuell gab es eine Online-Umfrage zu Kälberstrategien, an der 209 bio- und 101 konventionelle Landwirte aus Baden-Württemberg und Bayern teilnahmen. Demnach trennen über 90 % der konventionellen und 2/3 der Biobetriebe die Kälber spätestens nach einem Tag von der Mutter, weil dann der Trennungsschmerz nicht so groß sei. Von Verbraucherseite werde dieses Vorgehen aber klar abgelehnt.
Mit dem frühen Verkauf der Kälber vom Betrieb mit 2 – 5 Wochen haben 31 % der konventionellen und 56 % der Biohalter ein Problem. Dagegen sieht die große Mehrheit den Export von Kälbern ins Ausland über Langstreckentransporte als Problem (78 % der konventionellen und 90 % der Biobetriebe).
Abgefragt wurden auch Interesse und Umsetzbarkeit von Kälberstrategien wie die kuhgebundene Aufzucht, verlängerte Zwischenkalbezeit, Einsatz von Zweinutzungsrassen und Gebrauchskreuzungen, gesextes Sperma sowie die Querfinanzierung über die Milch.
Für die muttergebundene, kostendeckende Aufzucht von Bullenkälbern über 3 Monate hinweg sei je nach Milch- und Mastleistung eine Querfinanzierung durch einen Aufschlag von 5 ct/kg Milch bei Bio und von 3 ct/kg Milch konventionell nötig. Diese Kalkulation berücksichtigt aber nur die nicht vermarktete Milch, nicht die verbesserte Fleischleistung. In der Direktvermarktung sei dies umsetzbar, über die Molkereien momentan noch schwierig.
Eine wichtige Strategie wäre die Kooperation mit Mutterkuhhaltern, die mehr Kälber aus der Milchviehhaltung aufnehmen könnten.

Hier finden Sie die Präsentation zum Vortrag Bio-Wertkalb-Projekt

In der abschließenden Diskussion wurde an Verarbeiter, Handel, Gemeinschaftsverpflegung appelliert, sich der Thematik „Kälberstrategien“ zu öffnen, die Kooperation aller Akteure sei nötig, um voran zu kommen. Nötig seien aber nicht nur höhere Anforderungen, sondern auch deren Entlohnung. Die Vertreter der Tierschutzverbände und Tierärzte machten aber auch deutlich, dass sie bei allem Verständnis für die wirtschaftliche Situation doch ent-scheidende Verbesserungen der Tierwohlsituation und Transportproblematik in naher Zukunft erwarten.

 

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