Umbau einer Schlüsselbranche

Drei Trends werden die Entwicklung in Deutschlands wichtigstem Industriezweig bestimmen: Elektrifizierung, Digitalisierung und Vernetzung innerhalb eines neuen Mobilitätssystems. Politik, Hersteller und Kundschaft verstehen das allmählich.

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Einen Ladepunkt auf zehn E-Autos empfi ehlt die EU. Wichtig sind auch Ladegeschwindigkeit und Zugang (öffentlich, privat, Firmengelände)

Deutschland ist die Wiege des Automobils. Hier wurde 1886 das Auto erfunden und damit eine Revolution in der Mobilität ausgelöst. Heute ist die deutsche Automobilwirtschaft eine Schlüsselindustrie. Mit 834.000 Beschäftigten erwirtschaftete sie 2018 einen Umsatz von 425 Milliarden Euro. Zugleich sind die negativen Folgen der massenhaften Automobilisierung für Umwelt und Gesundheit offensichtlich. Schärfere Vorgaben wegen des Klimawandels und der Luftverschmutzung sollen die Hersteller dazu bringen, Autos zu bauen, die weniger Schadstoffe und Treibhausgase emittieren. Die Bundesregierung hat sich verpflichtet, bis 2030 die Emissionen des Verkehrs um mindestens 40 Prozent im Vergleich zu 1990 zu verringern.

Der Umstieg ins emissionsfreie Auto ist klimatechnisch notwendig, aber auch ökonomisch geboten. Zahlreiche Staaten verschärfen die Emissionsgrenzwerte für Autos, führen Elektroquoten ein oder wollen den Verkauf von Verbrennungsmotoren auf ihren Märkten verbieten. In zehn Ländern sollen vom Jahr 2030 an keine Verbrenner mehr neu zugelassen werden. Automobilhersteller wie Volvo und Toyota haben frühzeitig ihren Abschied vom Verbrennungsmotor verkündet. Später folgten die deutschen Hersteller VW und Daimler. Unterdessen wächst die Nachfrage nach Elektroautos. In China haben sich die Zulassungszahlen in den vergangenen zwei Jahren vervierfacht. Die Regierung in Peking hat die Hersteller auf eine Quote für emissionsfreie Autos verpflichtet.

Knapp 70.000 Neuzulassungen bedeuten einen E-Anteil von zwei Prozent – und nur 0,3 Prozent im Pkw-Gesamtbestand von 2018 in Deutschland

 

Die zweite große Veränderung bringt die Digitalisierung mit sich. Mithilfe künstlicher Intelligenz (KI) entwickelt sich das Auto vom gesteuerten zum selbststeuernden Fahrzeug. Wann wie viele autonome Autos auf deutschen Straßen rollen, ist umstritten. Einigen Fachleuten zufolge könnten solche „Robocabs“, sei es als Taxis oder in Carsharing-Flotten, bis zum Jahr 2030 mehr als ein Viertel des weltweiten Automobilitätsmarktes abdecken. Andere Experten erwarten deutlich weniger.

Die dritte große Veränderung ist eine kulturelle. Jahrelang war das Automobil ein Statussymbol und ein unabhängiges, von anderen getrennt gedachtes Fortbewegungsmittel. Das ändert sich. Das Auto wird Teil einer vernetzten und geteilten Mobilität. Durch digitale Carsharing-Plattformen und eine neue Mobilitätskultur kann es zum mobilen Dienstleisterund damit zum Baustein eines neuen umfassenden Mobilitätssystems werden, vernetzt mit Bus, Bahn und Fahrrad.

Die Konkurrenz auf den Weltmärkten wird deutlich härter. Wenn die deutschen Autobauer sich den Herausforderungen nicht stellen, werden sie Marktanteile verlieren. Bei der Elektromobilität sind sie nicht gut aufgestellt. Von den 20 meistverkauften Elektroautos weltweit kommt kein einziges aus deutscher Produktion. Auch beim autonomen Fahren gibt es Nachholbedarf. Die autonomen Autos von Google sind technisch so weit entwickelt, dass ein Sicherheitsfahrer – ein Mensch, der bei Testfahrten eingreifen kann – nur alle 9.000 Kilometer handeln muss. Bei den autonomen Autos von Mercedes ist alle 2,9 Kilometer ein Eingriff nötig.

Mittlerweile stellt sich die Industrie den fundamentalen Veränderungen. Als Früherkennungssystem für Innovationen dient in der Industrie immer die Zahl der Patente – bei denen für das autonome Fahren sind die deutschen Unternehmen führend. Und auch bei der Elektromobilität gibt es Fortschritte. VW hat angekündigt, in den nächsten zwei Jahrzehnten die Produktion des Verbrennungsmotors einzustellen. Mercedes-Benz will bis 2022 in jeder Baureihe wenigstens eine E-Variante anbieten.

Damit der Standort Deutschland von der Transformation des Automobils profitiert und die Industrie weiterhin erfolgreich bleibt, sind Investitionen in die Zukunftsfelder zwingend, vor allem in die emissionsfreie Mobilität und die künstliche Intelligenz. Die Hersteller lenken ihre Forschungsgelder stärker in Richtung automatisiertes Fahren und batterieelektrische Fahrzeuge, die sich gut verkaufen und die klimapolitischen Vorgaben erfüllen sollen. Frankreich und Deutschland wollen gemeinsam mit der Europäischen Union eine Batteriezellenproduktion in Europa aufbauen und stellen dafür Milliardenbeträge zur Verfügung. In Deutschland sind bereits Entscheidungen für erste Batteriefabriken gefallen.

Ob das Ende für Neuwagen mit Verbrennungsmotoren wirklich schnell kommt? Marktforscher rechnen mit zehnmal mehr Elektroautos in zwölf Jahren

 

Es ist nötiger denn je, die von der Transformation betroffenen Beschäftigten durch Qualifizierung und Weiterbildung zu unterstützen und dies künftig als kontinuierlichen Teil des Arbeitslebens zu begreifen. Der Wandel in der Automobilwirtschaft ist gewaltig. Ein dominanter Treiber ist der chinesische Absatzmarkt. Um die nötigen Veränderungen zu gestalten, sind gemeinsame Anstrengungen von Politik, Industrie, Gewerkschaften, Wissenschaft und Zivilgesellschaft nötig.